Ein leerstehendes Haus im Brüsseler Bezirk Schaeerbeek. Die Briefkästen quellen über. Der Boden ist abgeklebt, wegen Malerarbeiten. Hier hat offenbar schon länger niemand mehr gewohnt. Es war das perfekte Versteck für die Bomben-Terroristen.
Hierhin bestellten sie sich ein Taxi. Und fuhren mit ihren Sprengsätzen an den Flughafen. In der Nacht auf gestern gab es im Gebäude eine Razzia. «Zuerst hörten wir eine Drohne», sagt der Besitzer der Wäscherei gegenüber. «Dann kamen immer mehr Polizisten.»
IS-Flagge und 15 Kilo Sprengstoff
Und die Ermittler wurden fündig. Nebst einer IS-Flagge fanden sie 15 Kilo Sprengstoff. Offenbar hatten zwei von fünf Bomben keinen Platz mehr im Taxi. Denn: Das bestellte Grossraumtaxi kam nicht. Die Terroristen mussten einen kleineren Wagen nehmen.
Ein Fehler, der viele Menschenleben gerettet haben dürfte. Der Nachbar: «Ein IS-Terrornest direkt gegenüber. Unglaublich!» In der Nachbarschaft hat es viele arabische Geschäfte. «Wir wollen kein zweites Molenbeek werden», so der Wäscherei-Besitzer.
Vor dem Haus fanden die Ermittler einen Laptop in einem Mülleimer. Darauf das Testament von Ibrahim El Bakroui: «Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte und hatte keine Sicherheit mehr. Wenn das so weitergeht, endet das bei mir in einer Gefängniszelle.» Jetzt ist der Terrorist tot. Und Europa verwundet.
Scharfschützen in Helis
Auch am Tag nach dem Attentat mit mindestens 34 Toten ist die Normalität noch lange nicht zurück. Überall stehen schwer bewaffnete Soldaten. Immer wieder heulen Sirenen auf. Über der Stadt kreisen Helikopter. Darin sitzen Scharfschützen mit dem Gewehr im Anschlag. «Haben sie jetzt alle Terroristen?», fragt eine verunsicherte ältere Dame das BLICK-Team.
Es ist der reinste Nervenkrieg. Mal heisst es, alle Terroristen seien gefasst. Später das Dementi der Behörden. Najim Laachraoui (24) könnte der gefährlichste der Terroristen sein. Seine DNA wurde schon auf den Bomben des Pariser Attentats gefunden. Ist er sogar der Bomben-Bastler? Dazu kommen die Fragen: Wer hat die bereits gesuchten Terroristen so lange versteckt? Wie gross ist das Terror-Netzwerk?
«Ich hörte einen Knall»
Die Terror-Schauplätze selber sind hermetisch abgeriegelt. Am Flughafen wurden noch immer Menschen in kleinen Gruppen vom Areal evakuiert. Sie mussten sich seit gestern im Flughafenhotel verschanzen. Antony Barrett aus Manchester befand sich zum Zeitpunkt der Anschläge nur wenige Meter entfernt, im Flughafenhotel. «Ich hörte den Knall. Dann brachten sie immer mehr Verwundete nach draussen.» Dem gestandenen Mann schiessen Tränen in die Augen. «Ich konnte von meinem Fenster genau an das Terminal sehen.»
Die Nacht im Epizentrum des Brüsseler Terrors sei schlimm gewesen: «Alle waren sehr ruhig. Es gab auch Sicherheitsbedenken. Irgendwann wurden wir alle aus dem Zimmer geholt und in den Saal gebracht – weg von den Türen.» Eigentlich sollte der Flughafen morgen wieder öffnen. Barrett hat sich trotzdem für den Zug entschieden.
Passanten bringen Blumen
In der Nacht hat es zu regnen begonnen. Die Blutspuren vor der Metrostation Maelbeek im EU-Viertel, dem Ort der zweiten Attacke, sind weggespült. Die Züge fahren nicht – Polizeiband versperrt den Weg zur Station. Immer wieder kommen Passanten und legen Blumen nieder. «Diese Terroristen waren schon seit Paris bekannt, konnten aber nicht gefunden werden. Dabei waren sie mitten unter uns. Wie kann das sein?!», so ein Herr.
Andere Menschen demonstrieren Normalität. «Wir haben offen – weil Brüssel so schön ist», steht auf dem Schild vor einem Café, direkt neben der angegriffenen Metrostation. Schon gestern Abend hörte man aus einigen Bars wider das Lachen der Menschen. Und heute Morgen machten sich einige Kinder ganz normal auf den Schulweg, fröhlich kichernd. Brüssel mag verwundet sein. Aber nicht geschlagen.
Publiziert am 24.03.2016 | Aktualisiert um 21:41 Uhr